Es gibt Situationen im Leben, die uns abrupt aus dem gewohnten Gleichgewicht bringen.
Nicht durch große Dramen, sondern durch etwas scheinbar Banales:
Kein Wasser mehr.
Seit einer Woche kommt bei uns kein fließendes Wasser mehr aus dem Brunnen.
Kurz vor Weihnachten, wo Besuch erwartet wird, der hier schlafen, aufs WC gehen, sich vielleicht duschen will, ... und man für 6 Personen kochen wird.... man hofft halt noch.
Erste Hilfe? Die freiwillige Feuerwehr Raxendorf.
Der Wagen schob mit Ketten an den Rädern verkehrt in den Wald hinein, zu groß die Sorge, der Löschwagen könnte im Schlamm hängen bleiben.
Die lieben Helfer haben den Brunnen einmal aufgefüllt – ein Akt gelebter Hilfsbereitschaft, für den wir sehr dankbar sind.
Doch dann, das jähe Erwachen, der Wasserspiegel sinkt und sinkt und sinkt weiter... wieder genau dorthin, wo er war, bevor die Feuerwehr kam.
Kein Wasser...
Mein Mann ist ins 25km entfernte Krems gefahren um Pumpen und Schläuche zu kaufen. Die Idee: Wasser aus dem Teich 30 Meter höher, 100m entfernt, in den Brunnenschacht zu befördern. Ausgerüstet (fast) wie die Feuerwehr hat er 100m Schlauch durch unseren steilen Wald vom Teich bis zum Brunnenschacht gezogen. Ich konnte ihn (auf der anderen Seite des Tales) schnaufen hören...
Und das alles - weil es sonst ja zu einfach wäre - bei Schneefall... und Minusgraden UND mit einem verletzten Sprunggelenk, sonst wäre es ja fad.
Mit eisigen Fingern und der leisen Unsicherheit, wie lange dieser Zustand noch andauert kam er irgendwann zurück.
Mir war auch nicht ganz wohl bei der Sache, denn es ist einfach anders, wenn etwas so scheinbar Selbstverständliches wegfällt.
Fließendes Wasser ist etwas, das wir kaum wahrnehmen – bis es fehlt.
Erst dann zeigt sich, wie tief solche Selbstverständlichkeiten in unserem Alltag verankert sind.
Plötzlich wird jede Handlung bewusst:
Wofür verwende ich Wasser?
Was ist wirklich notwendig?
Wie gehe ich mit Begrenzung um?
Man hat kurz Zeit sich an die anderen Gegebenheiten zu gewöhnen. Das läuft zu zweit dann plötzlich ganz toll... und dann kommt Besuch. Für 6 Personen das Weihnachtsessen vorbereiten ohne Wasser? Nicht nur das stellt einen vor Herausvorderungen, denn plötzlich wird alles anders... Es wird gekocht mit Wasser aus Kanistern, Zähne geputzt mit Wasserflaschen, geduscht wird eben mal ganz einfach gar nicht... Jeder muss irgendwem anderen mitteilen, dass er aufs WC will und dass eben der andere so lieb sein soll, das Wasserwerk im Haus kurz anzuschalten, damit die Klospülung betätigt werden kann - nur um das Werk dann gleich wieder auszuschalten, um die Pumpe nicht zu überlasten, die das spärliche, aus dem Teich in Tanks gepumpte, verbliebene Wasser in die Rohre pumpt.
In solchen Momenten meldet sich oft zuerst der Widerstand. Der Wunsch, dass alles wieder so sein soll wie vorher. Doch genau hier liegt die Einladung: innehalten, atmen, denken, fühlen, dann handeln.
Ein fordernder, aber auch spannender Erfahrungsraum!
Es geht darum, Eventualitäten nicht nur zu „überstehen“, sondern aus ihnen zu lernen. Und zwar nicht in dem Sinne: Wie schaffe ich eine stabile Wasserversorgung, sondern vielmehr
Eine Zeit ohne Wasser konfrontiert uns mit Kontrollverlust.
Mit Abhängigkeit von äußeren Umständen oder von anderen Personen.
Und mit der Frage, wie stabil unser inneres Fundament wirklich ist. Unser eigenes und das unserer engsten Beziehungen.
Improvisation entsteht nicht aus Mangel, sondern aus Präsenz.
Aus dem aufmerksamen Wahrnehmen dessen, was jetzt möglich ist und was eben nicht.
Pumpen, Schläuche, neue Abläufe, andere Prioritäten – nichts davon war je geplant.
Plötzlich erkenne ich eine ganz tolle Kompetenz meiner Partnerschaft: die Fähigkeit, sich dem Leben anzupassen, ohne sich selbst zu verlieren. Zu wissen, dass egal, was passiert, man gemeinsam handelt, miteinander, füreinander und vor allem eins. RUHIG.
Für mich ist das gelebte Resilienz. Echtes Vertrauen. Etwas, was uns beiden nicht wirklich in die Wiege gelegt wurde. Nach komplettem Stromausfall für 20 Stunden, nicht Befahrbarkeit der Zufahrtsstraße jetzt eben auch kein fliessendes Wasser mehr... Etwas ist mir bei allen drei Situationen aufgefallen: Wir, mein Mann und ich, sind beide immer ruhig geblieben. Keiner hat den anderen angepflaumt, angeraunzt, etwas vorgeworfen. Wir waren immer MITEINANDER an der Lösung interessiert und wissen jetzt vor allem eins: Uns haut so schnell nichts aus der Bahn. Im Gegenteil:
Ohne fließendes Wasser wird alles langsamer.
Nicht „mal schnell noch... “. Nicht nebenbei. Der Rhythmus ändert sich. Man wird achtsamer, klarer, fokussierter.
Der Moment bekommt wieder viel mehr Gewicht. JETZT zählt, nicht morgen, nicht gestern, kein "aber"...
In der äußeren Kälte geprägt von Schnee und Eis – entsteht in uns gerade etwas anderes, neues und warmes:
Nähe. Konzentration. Gegenwärtigkeit. Begrenzungen können sehr, sehr gute Lehrer sein, wenn wir uns auf sie einlassen und nicht versuchen vor uns, unseren Ängsten und gefühlten Unzulänglichkeiten davonzulaufen.
Dankbarkeit entsteht hier jenseits der Umstände, sie bedeutet noch lange nicht, dass alles fein und angenehm ist. Bestimmt hätte ich mir gewünscht, duschen zu können, ganz normal Geschirr zu spülen, zu kochen oder einfach mal ganz nebenbei - wenn auch ganz natürlich nur mit 2 Grad Wasser, denn Warmwasser gibt es hier nicht im Waschbecken - mit fliessendem Wasser die Hände zu waschen.
Dankbarkeit entsteht dort, wo wir wahrnehmen, was trotz allem immer da ist.
Der Partner an der Seite, helfende Menschen, Nachbarn, die uns noch gar nicht gut kennen und doch gleich wie selbstverständlich mit anpacken, kreative Lösungen, die dann doch die ersehnte Tasse Tee ermöglichen ...
Diese Form von Dankbarkeit nährt mich – auch dann, wenn der Brunnen leer ist.
Das Beste aus einer solchen Situation zu machen heißt nicht, sie schönzureden, es bedeutet vielmehr, DAS anzunehmen, was gerade ist, Verantwortung zu übernehmen, im Mangel nicht den Sinn zu verlieren, sondern ihn vielmehr vielleicht gerade erst zu finden.
Unser Brunnen ist im Moment leer.
Wir sind es nicht. Wir sind voll mit Erfahrungen, Verbundenheit und Stärke.
Wenn du glaubst, dass grad alles schief läuft in deinem Leben, wenn dir der Fluss des Lebens gerade etwas nimmt, was du für selbstverständlich erachtet hast, dann kann es sein, dass du dich lediglich daran erinnern wirst, was wirklich, wirklich, WIRKLICH wesentlich ist.

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Lucia Kautek (Montag, 29 Dezember 2025 16:51)
Großartig! Großartig geschrieben, so dass man mitfühlt, als wäre man dabei. Bei so einem Schreibtalent sollte man Bücher schreiben! Weniger großartig die Eigenwilligkeit des Wassers, das doch besser dort sein sollte, wo man es braucht und zwar immer. So wollen wir es, ohne auch nur darüber nachzudenken. Ganz weit voraus gedacht, könnte genau das einmal der größte Problem unsere Globus werden: Nicht genug Wasser für alle. Was dann? Nicht auszudenken! Aber zumindest jetzt im Moment können wir dankbar und sehr froh darüber sein, in unserem Wohlstand zu leben. Falls mal nicht grad das Wasser ausgeht...