Wenn sich Menschen für ihre Gefühle entschuldigen – über toxische Scham, Trauma und die Angst, echt zu sein

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Es passiert fast täglich in meiner Praxis.
Heute z.B. bekommt eine Klientin Tränen in den Augen – und entschuldigt sich sofort.
Ein weiterer z.B. zeigte gestern Wut, Verzweiflung oder Hilflosigkeit – und schämt sich dafür.
„Es tut mir leid, dass ich so emotional bin.“
„Entschuldigung, wie kann man nur immer noch so sein?“
„Das ist eh lächerlich, warum mich das noch immer beschäftigt.“

"Das war doch nur witzig gemeint von meinen Eltern."

Spätestens beim "Witz" regt sich in mir Widerstand. Das, was ich hier begleiten darf, war früher alles andere als lustig... 

 

Diese Sätze sagen mehr über unsere Gesellschaft aus als über die Person, die sie ausspricht.

Denn was hier sichtbar wird, ist kein persönliches Versagen. Es ist ein tief verankerter innerer Mechanismus, welcher sich etabliert hat: toxische Scham.

 

Emotionen sind keine Störung – sie sind wertvolle Information

 

Aus körperlicher und neurobiologischer Sicht sind Emotionen kein Fehler im System. Sie sind Signale. Bewegungsimpulse. Wie ich es auch auf meiner Unterseite „Emotioncode“ beschreibe:

"Emotion is energy in motion – Emotion ist Energie in Bewegung".

Energie, die durch den Körper FLIESSEN will. Trauer will sich entladen, Wut will Grenzen markieren, Angst will schützen, Freude will sich ausdehnen. Eines ist allen Emotionen gemein, sie wollen und brauchen Raum. Raum für das Gefühl, welches dahinter steckt.

Wenn wir beginnen, diese natürlichen Prozesse zu unterdrücken oder zu bewerten, entstehen innere Spannungen. Der Körper lernt: Das hier darf nicht sein. Und genau hier beginnt oft der eigentliche Konflikt. Denn nicht das Gefühl selbst ist das Problem.
Es ist die Scham darüber, dass wir dieses Gefühl haben, die Scham, dass wir fühlen.

Gesunde Scham schützt soziale Grenzen. Sie hilft uns, Rücksicht zu nehmen und Empathie zu entwickeln. Toxische Scham hingegen geht tiefer. Sie sagt nicht: Ich habe etwas falsch gemacht.


Sie sagt, auf den Punkt gebracht: Ich bin falsch.

 

Diese Form der Scham entsteht meist sehr früh im Leben. Wenn ein Kind für seine Gefühle beschämt wird – für sein Weinen, seine Wut, seine Bedürfnisse, seine Lebendigkeit – lernt es eine schmerzhafte Lektion:

„So wie ich bin, bin ich nicht willkommen.“

Die heutige Klientin erzählte mir, dass unmittelbar nach der Geburt ihr Vater: „Mah, is die schiach!“ gesagt haben soll. Sie erklärt sofort "täterloyal", dass dies witzig hat sein sollen.

Ich stelle mir in dem Moment zwei Fragen:

 

1.        Warum sagt man so etwas zu oder besser gesagt über sein Kind in so einem Moment? und

2.        Nachdem nicht davon auszugehen ist, dass die Klientin sich explizit an diese Aussage erinnern wird, warum erzähle ich das überhaupt meinem Kind? Erschwerend kommt aus meiner Sicht hinzu, dass diese Aussage als Witz verkleidet wird.

 

Was passiert daraufhin in der Klientin? Um weiterhin die überlebensnotwendige Bindung zu sichern, beginnt das Nervensystem sich anzupassen. Gefühle werden unterdrückt. Impulse werden eingefroren. Authentizität wird gefährlich. Und tief im Inneren brennt sich ein Gefühl ein, nicht in Ordnung zu sein, falsch zu sein. Das ist kein bewusster Prozess. Es ist ein Überlebensmechanismus.

 

Es ist wichtig, das klar zu benennen:
Diese Mechanismen waren nicht falsch. Sie waren intelligent, sicherten sie doch durch die Loyalität zu den Eltern die Bindung und im weitesten Sinne – das Überleben.

Ein Kind, das emotional beschämt, abgewertet oder abgelehnt wurde, hatte oft keine andere Wahl. Sich selbst klein zu machen, sich zu schämen, sich innerlich zurückzuziehen, war eine Form von Selbstschutz. Eine Anpassung an ein Umfeld, das emotional nicht sicher war, wo der Ausdruck von Emotionen entweder keinen Sinn machte oder sogar gefährlich sein konnte. Der Körper hat gelernt: Wenn ich mich nicht zeige, bin ich sicherer.

Damals hat das auch gut funktioniert. Heute blockiert es oft genau das, was Heilung ermöglichen würde.

 

Wenn Scham Trauma festhält

 

Trauma ist nicht nur das Ereignis. Trauma ist das, was im Nervensystem stecken bleibt, weil es nicht verarbeitet werden konnte oder anders gesagt: Trauma ist nicht das, was dir passiert ist, sondern das, was es in dir hinterlassen hat, als es passiert ist.

Und genau hier spielt toxische Scham eine zentrale Rolle.

Viele Menschen tragen intensive Emotionen in sich – Trauer, Angst, Ohnmacht, Wut – aber sie erlauben sich nicht, diese zu fühlen. Nicht, weil sie nicht könnten. Sondern weil sie gelernt haben, dass Fühlen gefährlich ist.

Scham verhindert Regulation.
Scham verhindert Verbindung.
Scham verhindert Integration.

Solange jemand sich für seine innere Erfahrung verurteilt, bleibt das Nervensystem in Alarm oder Erstarrung. Der Körper kann die gespeicherte Energie nicht entladen. Das Trauma bleibt gebunden.

Deshalb leiden viele Menschen jahrelang, manchmal ein Leben lang, unter Symptomen – ohne zu verstehen, warum sich scheinbar „nichts löst“.

Dissoziation – wenn der Körper abschaltet

Ein häufiger Effekt dieser inneren Schutzmechanismen ist Dissoziation. Dissoziation bedeutet nicht immer völliges Wegtreten. Sie zeigt sich oft viel subtiler:

  • innere Leere
  • emotionale Taubheit
  • „Ich spüre mich nicht richtig und kann nicht reagieren“
  • Konzentrationsprobleme
  • Gefühl von Unwirklichkeit
  • Funktionieren ohne inneren Kontakt

Das Nervensystem hat nämlich gelernt: Fühlen ist zu viel. Also wird der Zugang zum Gefühl und der damit verbundenen Emotion gedrosselt.

Das schützt kurzfristig, keine Frage. Langfristig trennt es uns aber von uns selbst.

Der heilsame Moment in meiner Praxis

Wenn jemand, so wie heute, in der Praxis beginnt zu weinen und sich entschuldigt, passiert etwas sehr Zentrales.

Da zeigt sich nicht Schwäche.
Da zeigt sich der Moment, wo alte Schutzmuster sichtbar werden.

Heilung beginnt oft genau dort, wo jemand zum ersten Mal erlebt:

Ich darf fühlen.
Ich werde nicht beschämt.
Ich muss mich nicht erklären.

Mein „ich“ bekommt Raum.
Ich bin willkommen – auch oder gerade mit meinen Emotionen.

 

Das Nervensystem braucht keine neuen Konzepte, sondern neue Erfahrungen. Eine neue, verkörperte Realität. Das implizite Gedächtnis darf neue Erfahrungen machen, die notwendig sind, um alte zu heilen.

Sicherheit statt Selbstverurteilung

Traumaintegration geschieht nicht durch Druck. Nicht durch „Reiß dich zusammen“. Auch nicht durch spirituelle Überhöhung „Da steh ich drüber“ oder "Das ist doch schon so lange her".

Sie geschieht durch Sicherheit im Körper.

Wenn Emotionen langsam, dosiert, in einem sicheren Raum endlich aus den Tiefen wieder auftauchen dürfen, beginnt das Nervensystem umzuschalten. Von Überleben zu Regulation. Von Schutz zu Verbindung.

Das bedeutet aber auch gleichzeitig: Wir dürfen lernen, unsere alten Schutzstrategien, wozu Schuld, Scham, Angst und Wut gehören, zu würdigen. Sie haben uns einmal getragen. Jetzt dürfen wir sie behutsam loslassen, dankbar für alles, was sie für uns geleistet haben.

Der Weg zurück zur inneren Erlaubnis

Ein zentraler Schritt ist, die innere Haltung zu verändern:

  • von Bewertung zu Neugier
  • von Scham zu Mitgefühl
  • von Kontrolle zu Präsenz

Nicht: Warum bin ich so?
Sondern: Was wollte in mir geschützt werden?

Wenn wir beginnen, unsere Emotionen nicht mehr als Problem zu sehen, sondern als Botschaft unseres Nervensystems, verändert sich etwas Grundlegendes.

Wir kommen wieder in Beziehung mit uns selbst.

Vielleicht sind die radikalsten Schritte, die wir in unserer heutigen Welt andenken dürfen, diese:

Nicht mehr zu funktionieren.
Nicht mehr zu unterdrücken.
Nicht mehr so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Sondern ehrlich zu spüren. In kleinen Dosen. Mit Begleitung und Respekt für das eigene Tempo.

Denn echte Heilung ist kein spektakulärer Durchbruch, der sich ganz einfach beim Lifecoach kaufen lässt.
Sie ist oft ein leiser, schleichender Prozess des Wieder-Zulassens.

Zulassen von Gefühl.
Zulassen von Verletzlichkeit.
Zulassen von Lebendigkeit.

Und vielleicht beginnt dieser Weg ganz unscheinbar – mit einem Menschen, der in der Praxis weint … und sich zum ersten Mal nicht mehr dafür entschuldigen muss.

 

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