
Manchmal wünsche ich mir nichts Besonderes.
Keine Wunder. Keine außergewöhnliche Förderung. Keine Sonderbehandlung.
Einfach nur Ruhe. Ruhe vor einem System, das permanent so tut, als müsste es etwas überprüfen, das längst bekannt ist.
Ruhe vor Formularen, Fristen, Begutachtungen und Behörden, die scheinbar nichts voneinander wissen. Ruhe vor Menschen, die Sätze sagen, die gut gemeint sind – und trotzdem wehtun.
Mein Sohn ist Autist. Ich auch.
Der Unterschied ist: Ich habe meine Diagnose erst vor Kurzem bekommen. Mein Sohn bekam sie mit sechs Jahren. Heute ist er 18.
Zwölf Jahre später ist er immer noch autistisch.
Überraschend, oder?
Offenbar schon. Denn das Sozialministeriumservice möchte in regelmäßigen Abständen kontrollieren, ob er “noch immer” autistisch ist. Erhöhte Familienbeihilfe gibt es nur dann. Als könnte sich das irgendwann erledigt haben. Als wäre Autismus eine Grippe, die irgendwann ausgeheilt ist.
Autismus ist angeboren.
Autismus ist nicht heilbar.
Das weiß jede Fachperson.
Nur das System scheint regelmäßig Gedächtnislücken zu haben.
Diie eine Behörde (PV) stuft ihn am 05.05.26 als “nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar”. Mündlich, dort... Seit dem warten wir auf den schriftlichen Befund / Bescheid – monatelang. Monatelang passiert… nichts.
Oder besser gesagt: Es passiert alles gleichzeitig.
Denn während wir auf den einen Befund warten, flattert schon die nächste Einladung ins Haus.
28.05.26 Sozialministeriumservice - wie erwähnt: Hat er noch die angeborene und nicht therapierbare Neurodivergenz?
Um das zu bestätigen bräuchte es das Schreiben der PV… doch das kommt nicht.
Dann, wie erwähnt- er wurde gerade 18: Das Bundesheer. Stellung.
Auch dort muss jetzt wieder erklärt werden, warum ein junger Mann, dessen Autismus seit seinem sechsten Lebensjahr dokumentiert ist, vermutlich nicht der ideale Kandidat für den Wehrdienst ist.
Wieviel Zeit und Energie muss man eigentlich aufwenden, um sich der sogenenannten neurotypischen Welt zu erklären?
Und ehrlich: was ich NICHT MEHR HÖREN KANN und WILL:
„Aber da bekommt ihr ja sicher voll die Unterstützung! Österreich ist ja Sozialstaat!“
Gut, und wo genau finde ich diese Unterstützung??
Jede Behörde arbeitet für sich.
Jede verlangt dieselben Unterlagen.
Jede stellt dieselben Fragen.
Und jede kostet Kraft.
ZU VIEL KRAFT!
Kraft, die Familien wie unsere ohnehin jeden Tag brauchen, um über die Runden zu kommen.
Denn Autismus verschwindet nicht, wenn der Briefkasten leer bleibt.
Die eigentliche Herausforderung beginnt nämlich dort, wo die Behörden aufhören.
Mein Sohn ist 18. Und jetzt?
Niemand kann mir sagen, ob er arbeiten kann. (PV sagt "nicht", aber ... was soll er dann bitte mit seinem Leben anfangen?)
Niemand kann mir sagen, wo er arbeiten könnte.
Niemand kann mir sagen, wer ihn begleitet.
Niemand fühlt sich zuständig - das Bildungsministerium beendet seinen Bildungsauftrag bei Kindern mit einer sogenannten Behinderung mit 15, die Ausbildungspflicht besteht aber bis 19.
Ab 15 ist niemand mehr zuständig, ausser du selbst, als Mama.
Dafür fühlt sich anscheinend jeder zuständig, regelmäßig zu überprüfen, ob seine Diagnose noch stimmt.
Manchmal frage ich mich, ob irgendjemand in diesem System schon einmal versucht hat, aus Sicht einer betroffenen Familie zu denken.
Wir kämpfen nicht gegen den Autismus.
Wir kämpfen gegen die Bürokratie.
Gegen das permanente Rechtfertigen.
Gegen das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dass unser Alltag tatsächlich so anstrengend ist, wie wir ihn beschreiben.
Und dann gibt es noch diesen einen Satz.
Den Satz, den vermutlich jede Familie mit einem autistischen Kind schon einmal gehört hat.
“Mach dir keine Sorgen. Er wird seinen Platz schon finden.”
Nein.
Wird er nicht. Also ER ganz sicher nicht!
Nicht von alleine
Nicht, solange Betriebe zwar von Inklusion sprechen, aber bei einer Diagnose zurückschrecken.
Nicht, solange Unterstützungssysteme so kompliziert sind, dass man fast ein Jusstudium braucht, um sie zu verstehen.
Die Wahrheit ist:
Nicht er wird seinen Platz finden. Ich muss ihn finden.
Ich!
Ich muss recherchieren.
Telefonieren.
Anträge stellen.
Absagen verkraften.
Neue Wege suchen.
Immer weitermachen.
Und manchmal weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht mehr, wie.
Ich bin Psychologische Beraterin. Ich bin selbst im Spektrum. Habe ein Buch über Asperger Autismus geschrieben. Ich kenne Diagnosen. Ich kenne die Neurodivergenz und ich kenne das System. Ich habe es - so könnte man sagen - studiert.
Und trotzdem fühle ICH mich oft verloren.
Ich wünsche mir gar keine großen Reformen.
Vielleicht würde für den Anfang schon etwas viel Einfacheres reichen. Eine Zusammenarbeit zwischen Behörden. Während ich das schreibe, muss ich lachen… nicht vor Freude sondern frei nach Grönemeyer: Lache, wenn‘s nicht zum Weinen reicht!“
Ich wünsche mir bei Behörden die Erkenntnis, dass man Menschen mit Autismus nicht ständig neu beweisen lassen muss, dass sie autistisch sind.
Was wäre, wenn man uns einfach einmal in Ruhe lassen würde?
Nicht alleine. Aber nur in Ruhe. In RUHE.
Ruhe würde nämlich Energie sparen helfen, statt sie für Rechtfertigungen und Amtsschimmelreitereien zu verbrauchen.
Denn die Kraft, die wir heute in sinnlose Verfahren investieren, könnten wir dort einsetzen, wo sie wirklich gebraucht wird.
Meine z.B. für mich und mein Kind.
Vor vielen Jahren habe ich in Zusammenhang mit Autismus einen Spruch gehört, der mich bis heute nie losgelassen hat und es auf den Punkt bringt.
„Give me a hand or give me a break.“
Wenn du nicht helfen kannst, lass mich einfach in Ruhe. Es ist schon allein schwer genug.

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