Die Zeit heilt alle Wunden. Wirklich?

Man sagt immer, die Zeit heilt alle Wunden, aber ist das wirklich so?

Heilt man mit „einfach abwarten“ wirklich alles?

Wir bräuchten weniger Ärzte, Therapeuten, Pflaster, Medikamente und würden viel Geld sparen.

Der Spruch birgt zwar einen wahren Kern, hilft aber dem Menschen, der gerade in der Situation ist, in der er verletzt ist, reichlich wenig.

Der Zynismus in der Botschaft signalisiert auch: „Reiß dich zusammen, das schaffst du schon auch alleine.“

Und so versuchen viele mit ihrem seelischen Kummer und Schmerz oft viel zu lange alleine klar zu kommen, bevor sie sich endlich trauen zu professioneller Hilfe, einer helfenden Hand zu greifen.

Und dabei ist es völlig egal, ob es ein Coach, Psychotherapeut, Mentaltrainer oder Ähnliches ist.

In unserer Gesellschaft etabliert sich leider noch viel zu langsam die Gesellschaftsfähigkeit der mentalen Hilfe. Viel zu schnell wird man als schwach abgestelmpelt, wenn man zugibt, auf geistiger Ebene manchmal einfach Hilfe und Unterstützung zu benötigen. Schauen wir mal genauer hin.

Ist es wirklich besser, stärker, mit mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz verbunden einfach nichts zu tun, weiter zu grübeln und einfach zu warten, im Sinne von: wird schon vergehen?

Wohl kaum!

Zeugt es nicht viel mehr von Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Achtsamkeit, wenn man zur helfenden Hand greift? Und zwar in dem Moment, wo man sie benötigt und nicht wartet, bis es sozusagen zu spät ist? Bis uns die Depression fest im Griff hat? Das Burnout unausweichlich wird? „Resilienz“ ist ein Wort, welches immer mehr Einzug in den Sprachgebrauch hält und viele glauben, man muss einfach wahnsinnig viel aushalten um diesem neuen, tollen Wort zu entsprechen, machen doch andere Menschen auf der Welt so viel mit und sind doch oft so resilient. Sind sie es wirklich? Sehen wir die Narben auf ihrer Seele?

Für mich hat Resilienz klar damit zu tun, sich selbst zu achten, seine eigenen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann genug ist. Sich selbst genau und gut zu kennen. Über sich selbst ehrlich zu reflektieren, zu überlegen, was hat mich wann wie sehr verletzt, woran knabbere ich noch immer und warum? Kann ich es noch „lösen“? Zeit schafft oft Distanz für kritische Reflexion. Verletzungen zu verdrängen und versuchen zu vergessen zeugt nicht von Stärke, sondern genau das Gegenteil.

Ihnen in die Augen zu sehen, aus ihnen zu lernen ist ein großer Schritt zu innerer Größe, genauso wie der Griff zur helfenden Hand, wenn es notwendig wird. Narben bleiben in jedem Leben. Aber unseren Umgang damit können wir selbst aussuchen. Ob wir sie verstecken oder ob wir sie als Erinnerung überstandener Krisen einfach tragen, wie unsere Augenfarbe.  

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