"Dir steht gar nichts zu" - Scham als Traumafolge und wie Heilung möglich ist

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Scham ist ein Gefühl, das sich leise und tief in unsere Identität einnisten kann. Besonders bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen wirkt sie wie ein unsichtbarer Schleier, der jede Freude, jeden Anspruch auf Glück und jedes Gefühl von Wert blockiert. Statt zu denken „Ich habe etwas Schlimmes erlebt“, entsteht oft das lähmende Gefühl „Mit mir stimmt etwas nicht“.

 

Warum Scham so oft eine Folge von Trauma ist

Traumatische Erlebnisse – Missbrauch, Vernachlässigung, emotionale Gewalt oder auch ein überwältigender Unfall – hinterlassen nicht nur Angst oder Trauer. Sie können das Selbstbild bis ins Mark erschüttern. Kinder, die Gewalt oder emotionale Zurückweisung erleben, stellen nie die Liebe der Bezugsperson infrage, sondern sich selbst:

„Wenn ich nicht geliebt werde, muss mit mir etwas falsch sein.“

Diese kindliche Logik ist überlebenswichtig – sie gibt dem Chaos eine scheinbare Ordnung. Doch im Erwachsenenalter lebt dieser unbewusste Glaubenssatz weiter. Scham ersetzt Verantwortung des Täters durch Selbstabwertung des Opfers.

Warum man glaubt, einem stünde nichts zu

Scham verändert, wie wir uns und die Welt sehen. Sie kann drei tückische Botschaften verankern:

  1. „Ich bin falsch.“ Nicht: Ich habe etwas Schlimmes erlebt, sondern: Ich bin das Schlimme.

  2. „Ich darf nichts fordern.“ Bedürfnisse fühlen sich wie unverschämte Ansprüche an.

  3. „Ich muss mich klein halten.“ Erfolg, Nähe oder Liebe lösen unbewusst Schuldgefühle aus – als hätte man sie nicht verdient.

Diese Überzeugungen entstehen, weil Scham nicht nur ein Gefühl ist, sondern ein ganzes inneres System: ein ständiges Sich-Selbst-Bewerten und Sich-Selbst-Ablehnen.

 

Der Weg aus der Scham – Heilung ist möglich

 

Scham fühlt sich oft an wie ein Endurteil. Doch sie ist keine Wahrheit, sondern ein erlernter Schutzmechanismus. Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu löschen, sondern diese alten Botschaften sanft zu entmachten.

1. Verstehen statt verurteilen
Der erste Schritt ist, Scham zu erkennen und zu benennen: „Ah – das ist Scham. Sie erzählt mir gerade, ich sei falsch.“ Allein dieses Bewusstsein schafft Abstand.

2. Sich gesehen fühlen
Scham löst sich nicht durch Schweigen. Sie verliert ihre Macht, wenn man in einem sicheren Rahmen – Therapie, Coaching, vertrauensvolle Beziehung – erlebt: Jemand sieht mich, und ich werde nicht abgelehnt.

3. Den inneren Dialog ändern
Anstelle des alten Satzes „Mir steht nichts zu“ treten neue Botschaften:

  • Ich darf Bedürfnisse haben.

  • Ich muss nicht perfekt sein, um geliebt zu werden.

  • Was ich erlebt habe, sagt nichts über meinen Wert aus.

4. Körper und Nervensystem einbeziehen
Scham ist nicht nur ein Gedanke, sie sitzt im Körper. Methoden wie Somatic Experiencing, Atemübungen oder Touch for Health helfen, eingefrorene Schutzreaktionen zu lösen und wieder in ein Gefühl von Sicherheit zu kommen.

Fazit: Scham ist nicht dein Wesen

Scham ist wie ein alter Mantel, der dir irgendwann umgehängt wurde – vielleicht, um dich zu schützen oder weil du als Kind keinen anderen Weg hattest, dir die Welt zu erklären. Doch dieser Mantel ist nicht deine Haut. Du kannst ihn ablegen.

Heilung bedeutet nicht, nie wieder Scham zu spüren, sondern: Du erkennst, dass dein Wert unverletzlich ist – egal, was passiert ist.

 

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