Ich habe keinen Körper, ich BIN Körper!

Trauma Körper Psychotrauma Therapie

Warum Heilung nicht gelingen kann, solange wir glauben, einen Körper zu haben.

 

Wie bitte? Aber wir haben doch einen Körper... ich sehe das mittlerweile nicht mehr als ein „Haben“, vielmehr ein „Sein“. Unsere Gesellschaft, unsere Prägung hat uns das Missverständnis gelehrt, dass wir in unserem Körper Gast sind und ihn tunen und verändern könnten, als wäre er ein Vehikel.

Na gut, dann versuch doch bitte mal deinen Körper zu verlassen und dir einen Neuen anzuschaffen... Geht nicht? Also bist du doch untrennbar mit ihm verbunden, noch mehr: du BIST Körper.

Das Buch von Gabor Mate, welches ich vor 3 Jahren das erste Mal las, hat meine Sicht auf die sogenannte Einheit von Körper und Psyche grundlegend verändert. Allein, wenn wir die deutsche Sprache genauer betrachten, so wundert es nicht, dass wir mit und in der Spaltung leben. Es gibt keine Bezeichnung für die Einheit, sie setzt sich im deutschen Sprachgebrauch aus Körper und Psyche zusammen. Wundert es demnach auch nicht, dass Krankenhäuser voll sind mit Patienten, deren Symptome zu lindern versucht werden, aber Heilung? Heilung habe ich noch in keiner rein auf den Körper und „seine“ Symptomatiken ausgerichteten Institution, gefunden.

 

Hunderte Bücher füllen die Regale mit „Was dein Körper dir sagen will“ – Nachschlagewerke, wofür das Zwicken in der Schulter stehen könnte, der Fersensporn, der Brustkrebs. Einfach gesagt, brauchen wir diese Bücher alle nicht, denn sie entbehren der echten Wahrheit. Diese liegt so nahe, dass es völlig sinnlos ist, sie im Außen durch Projektion zu suchen.

 

Sie liegt in der Weisheit unseres Selbst, unseres ICHs.

 

Wir besitzen ein explizites und implizites Gedächtnis. Das explizite erlaubt uns die kognitive Erinnerung an Ereignisse und die dazu gehörenden Emotionen. Wo aber die wahre Weisheit verborgen scheint, ist das implizite Gedächtnis. Dieses ist in unseren Zellen, unserer DNA, sagen wir „in unserem stofflichen Körper“ gespeichert.

Immer wieder wird von KlientInnen die Frage gestellt: „Aber wie soll ich wissen, ob ich ein Trauma habe, wenn ich mich an meine Kindheit nicht erinnere?“ oder „Wie kann ich das Trauma denn bearbeiten, wenn ich nicht weiß, was damals passiert ist?“

Diese Fragen zeigen die allgemeine Herangehensweise von den meisten Psychotherapieformen, die den Köper als Quelle der Weisheit ausklammern und die Mauern der Spaltung, die bereits in uns herrscht, verhärten. Kann ich mich nicht erinnern, darf es auch nicht sein und das Problem, welches ich habe, liegt dann wohl an meiner eigenen Unzulänglichkeit.

Noch so ein Angebot, auf das ich fast schon allergisch reagiere und das überall zu finden ist: „Werde dein besseres Ich in 5 Sitzungen“...

Die Aufarbeitung von Trauma ist ein Prozess und zack-zack-Versprechungen sind unseriös und implizieren dem Kunden einmal mehr, dass er/sie wohl nicht hart genug an sich arbeiten würde, wenn es ihm/ihr nach 5 Sitzungen noch immer nicht gut ginge.

Viele Jahre Coaching haben mich etwas gelehrt: Wenn man wirklich eine tiefgreifende Veränderung möchte, mit der man lebt und nicht nur wieder für eine Zeit überlebt, so bleibt die tiefe und fundierte Auseinandersetzung mit Mustern, Rollenbildern, multigenerationalen Themen nicht erspart.

Und ganz ehrlich: Mittlerweile pfeiff ich auf das „bessere ich“, denn das ist ein gesellschaftlich geprägter Begriff. Ich brauch kein besseres Ich um mich gut zu fühlen, ich brauche mein authentisches! Und das ist weit weg von der narzisstischen Liebe zum Spiegelbild, irgendwelchen Titeln, materiellem Eigentum oder anderen Identifikationsfallen.

Das authentische ich ist das Wissen über die Summe aller, positiver, wie negativer Erlebnisse, die ich in meinem Leben gemacht habe, inklusive aller dazu gehörenden Emotionen und Gefühle. Und nur ein wahres Ich ohne Zuschreibungen und Identifikationen verspricht tiefe, wahre Heilung.

Grobstofflich gesehen, geschieht Heilung erst, wenn das innere Milieu passt. Ohne ein intaktes Immunsystem keine Gesundheit! Und ein intaktes Immunsystem hat unter anderem eine Grundvoraussetzung: keinen ungesunden Stress (Distress).

Und schon kommt die Frage auf: „Wie soll ich in dieser Gesellschaft Stress vermeiden?“

Es beginnt mit der Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung für sich und seine Gesundheit, die körperlichen Bedürfnisse und die emotionale Selbstwahrnehmung zu übernehmen. Doch damit allein ist es nicht getan. Es braucht soziale Unterstützung, psychologische Betreuung, und eventuell qualitativ hochwertige, integrative medizinische Betreuung. Weitere Faktoren wie genetische Veranlagung, persönliche Belastbarkeit und die sozialen Komponenten haben einen großen Einfluss auf ob, und wie Heilung geschehen kann.

Man muss sein Trauma nicht kennen, um damit arbeiten zu können. Es zeigt sich ohnedies im Hier und Heute.

Schmerzen meine Knie (und die SIND ich, nicht nur ein lästiger, schmerzender Teil von mir), dann weiß ich, dass ich – aufgrund meiner Biographie, wo meine Eltern mir vieles beigebracht haben, aber allem voran mich NICHT zu spüren – mich gerade implizit an etwas erinnere. Vielleicht kann ich es zum besseren Verständnis so erklären, dass die Schmerzen entstehen, da mein implizites Gedächtnis an mein Nervensystem die Botschaft schickt, dass Gefahr im Verzug ist, und mein schlaues Nervensystem dementsprechend die Handbremse für mich zieht, da ich ja (anscheinend) kognitiv die Gefahr nicht anerkenne.

Nun ist es aber so, dass aufgrund von frühem Trauma das Nervensystem hypervigilant sein kann und bei dem kleinsten Signal, welches mein implizites Gedächtnis an etwas erinnert, gleich Alarm schlägt. Wir sind bzw. unser Gehirn ist biologisch so ausgerichtet, dass wir auf Gefahr schneller reagieren, als auf schöne Momente. Dies sicherte uns in Urzeiten das Überleben. Das Problem, mit dem wir im heute jedoch zu kämpfen haben, ist, dass unser Nervensystem schon feuert, auch wenn aktiv gerade keine wirkliche Gefahr in Verzug ist. Dies verursacht eines: Stress! Und Stress schwächt unsere Immunabwehr. Was darauf folgt, ist abzusehen...

Wie kann ich nun „meinem Körper“ beibringen, dass es nichts Bedrohliches im jetzt gibt? Bzw. wie kann ich lernen, meine psychischen und physischen Grenzen besser zu spüren, damit mein System nicht so schnell ins Wanken gerät? Wie meinem System klarmachen, dass es nicht mehr so ist, dass ich z.B. post-partum für 2 Wochen ohne Mutter in einem völlig fremden, anonymen Umfeld ums Überleben gekämpft habe, sondern ich jetzt in einem stabilen, sozialen Umfeld lebe, auf dessen Koregulation ich jederzeit vertrauen kann? Dass ich nicht mehr allein bin, heillos überfordert als Kleinkind und Resignation mein Überleben gesichert hat?

Allen voran ist die Information wichtig, dass der Teil der Energie, den ich damals zur normalen Weiterentwicklung gebraucht hätte, als Energie abgespalten in der „Zeit feststeckt“. Darum arbeite ich gerne mit der Anteile-Methode. Denn sie ermöglicht diese Energie aufzuspüren und zu integrieren, damit dieser Anteil uns im heute hier und jetzt zur Verfügung steht und wir nicht wertvolle Energie vergeuden, indem wir versuchen uns über Symptomatiken hinwegzuretten – womöglich durch Einnahme von Substanzen, die eine chemische Veränderung im System hervorrufen, aber niemals die Ursache suchend und behebend wirken.

Allen voran scheint also wichtig: allein geht es nicht!

„Aber ich lese so viel und informiere mich ständig! Ich brauch keinen Therapeuten, ich kann mich selbst therapieren.“

In dieser Botschaft steckt so viel Information über die Biographie der Person. Und zwar eine, die der Person vielleicht sogar explizit klar ist – „Ich hab immer alles alleine gemacht!“ aber auch eine, die der Person verborgen ist, nämlich die Tragik hinter mangelnder Koregulation als Kind, welche zur Folge hat, dass Autonomie zum Dogma erhoben wird und dadurch vor allem eines gefördert wird: weitere Spaltung. Ohne Bindung können wir nicht überleben! Und da wir uns als Kind unsere Bindungspersonen nicht aussuchen können, entwickeln wir unterschiedliches Bindungsverhalten, um zu überleben.

Ohne die Bereitschaft anzuerkennen, dass „alleine“ eine Überlebensstrategie war und ist und man Abhängigkeit leider nur als bedrohlich erlebt hat, wird es nicht möglich sein, echte und tiefe Bindungen einzugehen.

Es ist unumgänglich die Notwendigkeit anzuerkennen, dass eine gesunde Bindung basal für eine gelungene Entwicklung ist. Keine Selbstregulation (ich kann das alleine) ohne vorherige Koregulation (ich kann mich auf mein Umfeld verlassen und empfinde Abhängigkeit als bereichernd und nicht als Bedrohung). Die gute Nachricht: selbst wenn ich als Kind keine ausreichende Koregulation erfahren habe und dadurch eine Bindungsstörung entwickelt habe (Bowlby: A unsicher-vermeidend, C unsicher-ambivalent, D unsicher-desorganisiert) so kann ich durch spätere Koregulation mein Bindungsverhalten ändern. „Warum sollte ich das tun“ – fragt sich gleich die Person, die nicht vertrauen kann. Ganz simpel, wenn mein ganzes System nicht andauernd auf Gefahr ausgerichtet ist, sondern in sicherer Umgebung entspannen kann, dann reguliert sich auch mein Stresslevel. Der sinkende Stresspegel hat wiederum Auswirkung auf das Immunsystem. Ein gesundes Immunsystem ist Grundvoraussetzung für Gesundheit und eine Stärkung des Immunsystems Grundvoraussetzung für Heilung.

 

Wenn es in Zukunft bei dir also mal zwickt oder eine Krankheit dich in die Knie zwingt, dann sei dankbar. Denn dein System fordert dich damit auf in die Vergangenheit zu blicken.

 

Niemals um dort zu verweilen, aber um dich im Heute, Hier und Jetzt tiefgehend zu verstehen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Sultan (Sonntag, 17 Dezember 2023 23:25)

    Erstens danke für das Schreiben sehr interessant hat mich sehr nachdenklich gemacht eigentlich ist das Lenk Rad mein Gehirn dann kommt es auf mich wie ich es lenke od Spüre ich glaube es ist ein langer weg es zu verstehen wie Mann damit sich auseinander setzt Verena ich freu mich schon mehr zu erfahren von dir über das Thema wirklich sehr sehr interessant � DANKE